Psychologie des Trauerprozess - psychologische Aspekte und Erklärungen

Psychologie - psychologische Hintergründe und AspekteDie Beziehung zwischen uns Menschen und unseren Haustieren ist immer emotionaler Natur, also mit Gefühlen verbunden. Dies erklärt sich aus den vielen gemeinsamen Erlebnissen und dem engen Zusammenleben, das über viele Jahre hinweg dauern kann. Die Art der emotionalen Bindung an unsere Haustiere ist immer individuell - so wie auch jede unserer Beziehungen zu unseren Mitmenschen einzigartig ist. Ob es nun ein junger Mann ist, der mit seinem Hund joggt, eine ältere Dame, die sich liebevoll um ihren Wellensittich kümmert, oder ein Single, auf den Abends seine Katze wartet - unsere Haustiere haben ihre positive Bedeutung für unser Wohlbefinden. Dass uns Tiere ans Herz wachsen und wir sie - wie sie uns - als unsere Gefährten behandeln, das ist eine natürliche und normale Konsequenz unserer engen Beziehungen.

Umso schmerzlicher ist es deshalb, wenn wir einen unserer treuen Gefährten durch den Tod verlieren. Die auf einen solchen Verlust entstehende Trauer ist ein natürlicher Prozess, der dem ähnelt, den wir durchschreiten, wenn wir einen liebgewonnen Menschen verlieren. Es ist sowohl bei der Trauer um einen Menschen als auch um ein Tier ein häufiger Irrtum, wenn man meint, dass es einen festgelegten Zeitplan für den Trauerprozess gibt. Manchmal dauert es viele Wochen, Monate oder noch länger, bis dieser Prozess abgeschlossen ist und das Leben in seinen gewohnten Bahnen weitergehen kann. Die Dauer des Trauerprozesses hängt nach psychologischen Erkenntnissen von vielen Faktoren ab, so u.a. von der Beziehung zwischen dem Trauernden und dem verstorbenen Menschen oder dem verstorbenen Tier, dem Alter des Trauernden und dessen Persönlichkeit. Einige Forscher vermuten, dass der Trauerprozess geschichtlich und kulturell bedingt ist und in unterschiedlichen kulturellen Gruppen unterschiedlich erlebt wird. In manchen Kulturen werden die Beziehungen zu den Toten lebenslang gepflegt, in anderen dagegen vergisst man so schnell, wie es geht.

TrauerprozessIn den Ländern unserer "westlichen" Kultur gibt es viele Menschen, die in der Trauer eine störende und beeinträchtigende emotionale Reaktion sehen, die man so schnell und so effektiv wie möglich überwinden müsse. Mag die Trauer um einen verstorbenen Menschen von manchen noch als "normal" hingenommen werden, haben viele kaum Verständnis und zeigen wenig Toleranz, wenn um ein liebgewonnenes Tier intensiv getrauert wird. Es kommt häufig zu unsensiblen oder gar abwertenden und somit zusätzlich verletzenden Reaktionen seitens des Umfelds des Trauernden. Die US-amerikanische Psychologin Margaret Stroebe bezeichnet diesen Umgang mit Trauer als "Abbruch der Bindungen", weil von den Trauernden verlangt wird, alle Bindungen an den verstorbenen Menschen zu zerreißen und im Rahmen neuer Beziehungen eine neue Identität zu finden. Menschen, die im Trauerfall emotional weiter an den Verstorbenen gebunden bleiben, gelten im Rahmen dieser Sichtweise als fehlangepasst oder - weniger vornehm - als "krank". Weil die Beziehung zu einem Haustier ebenfalls sehr eng sein kann, lässt sich m.E. Stroebes Vorstellung von einem "Abbruch der Bindungen" auch auf die Trauer um ein Haustier übertragen.

Ein solcher "Abbruch der Bindungen" kann die normale Trauer stören und verlängern. Dazu kann es kommen, wenn Betroffene und deren Freunde und Verwandte unrealistische Vorstellungen über den Zeitablauf und die Art des Trauerprozesses haben. Daher ist es wichtig, über die verschiedenen zeitlich nicht exakt festlegbaren Phasen des Trauerprozesses Bescheid zu wissen:

  1. Schock: Dem Trauernden fällt es schwer zu glauben, dass die Person / das Tier gestorben ist.
  2. Verlust und Trennung: Gefühle von Verlust und Trennung können manchmal zu Fehlwahrnehmungen und Illusionen führen, so z.B. wenn der Verstorbene / das verstorbene Haustier auf der Straße gesehen wird oder geträumt wird, dass die tote Person / das tote Haustier noch lebt.
  3. Verlust und TrennungVerzweiflung: Wenn der Tod der Person / des Haustieres realisiert wurde, dann können Gefühle von Verzweiflung, Einsamkeit, depressive Stimmung, Schuldgefühle und Wut einsetzen. Diese Gefühle dürfen aber nicht als Hinweis darauf gesehen werden, dass die trauernde Person "krank" ist, weil sie natürliche Bestandteile des Trauerprozesses sind. In der Phase der Verzweiflung können sich die Kontakte des Trauernden zu seinen Freunden und Verwandten verschlechtern. Das Interesse an der Außenwelt und den gewohnten Aktivitäten kann verloren gehen. In dieser Phase kann es auch zu massiven körperlichen Begleiterscheinungen kommen: Appetitverlust oder Fressanfälle, vermehrter Alkohol-, Medikamenten- und Nikotingebrauch, Durchfälle, Verstopfung, Ruhelosigkeit, Schlaflosigkeit, Merkfähigkeits- und Konzentrationsstörungen. Außerdem erleben viele oft erst in dieser Phase den erlittenen Verlust am schmerzhaftesten und nicht direkt nach dem Ereignis.
  4. Ausklingen des Trauerprozesses: Der Trauernde kann an die verstorbene Person / den verstorbenen Menschen denken, ohne Verzweiflung zu erleben. Langsam kann man sich wieder dem Leben stellen, selbst wenn besondere Daten (z.B. Geburtstage) viele Jahre lang die Trauer wieder "aufleben" lassen können.

TrauerphasenDie einzelnen Trauerphasen verlaufen jedoch nicht streng nacheinander ab. Sie können sich überlappen, teilweise parallel laufen und sich miteinander vermischen. Die Reihenfolge kann sich auch einmal verändern, d.h. dass überwunden geglaubte Reaktionen erneut auftreten können. Es wird Fort- und Rückschritte sowie Schwankungen mit unterschiedlichen Gefühlen geben. An besonderen Tagen, wie Geburts- und Todestag, Weihnachten etc. kann die Trauer zeitweise erneut auftreten. Es müssen jedoch alle genannten Phasen durchlebt werden, wenn die Wunden heilen sollen und der Trauernde einen neuen Lebenssinn aufbauen will.

Manchmal konfrontieren Freunde und Verwandte den Trauernden auch mit hinderlichen Erwartungen. Einige meinen z.B., dass sich der überlebende Partner in Gesellschaft überflüssig fühle, und zögern deshalb, Einladungen auszusprechen. Es kommt auch dazu, dass der Trauernde seltener besucht wird, obwohl er/sie gerade Unterstützung braucht. Bei Besuchen kommt es dann häufig zu Versuchen, den Verlust des Trauernden nicht zu erwähnen, wobei gerade das Reden über den Verlust den Schmerz lindern kann.

trösten, TrostTrauernde werden zudem von ihrer Umgebung oftmals nach kurzer Zeit als belastend empfunden, da sie sich hilflos im Umgang mit der Trauer des Anderen fühlen. Deshalb sollen sie nach Ansicht der anderen ihren Schicksalsschlag möglichst bald überwinden. Aufgrund des dadurch entstehenden Drucks verleugnen und/oder unterdrücken Betroffene oft die aufbrechenden Gefühle. All das kann dazu führen, dass der Prozess an einer bestimmten Stelle abgebrochen oder unterdrückt wird - mit teilweise unabsehbaren Auswirkungen. Chronische Trauer, andauernde Depressionen, chronische Schlafstörungen oder anhaltende körperliche/psychosomatische Beschwerden sowie Abgleiten in Suchtkrankheit können die Folge sein, wenn Trauer nicht durchlebt und verarbeitet werden kann.

Wir sollten respektieren, wenn jemand um sein verstorbenes Haustier intensiv trauert - so wie wir es normalerweise auch respektieren, wenn jemand intensiv um einen Menschen trauert. Diese Trauer ist kein Zeichen dafür, dass jemand "krank" ist, sondern eine normale Reaktion auf den Verlust eines liebgewonnenen Lebewesens, mit dem man viel Zeit geteilt und viel erlebt hat. Wenig hilfreich sind Ins-Lächerliche-Ziehen der Trauer "war doch nur ein Tier, hol dir halt ein Neues, es gibt doch so viele"), unangemessene Ratschläge ("hab doch einfach mal wieder Spaß"), nutzlose Appelle ("Reiße dich doch einfach ein wenig zusammen"), leere Redensarten ("das wird schon wieder") usw. Sie wirken sich oftmals hinderlich aus und können den Trauerprozess verlängern und erschweren.

Freunde unterstützenFreunde und Verwandte sollten im Trauerprozess liebevoll unterstützend zur Seite stehen, so z.B. wenn die trauende Person über ihre Trauer sprechen möchte. Das Darüber-Sprechen sowie das Anerkennen und Durchleben der Trauergefühle führt zur Verarbeitung des Geschehenen und hilft beim Durchschreiten des Trauerprozesses. Eine gute Art von Unterstützung ist es, den Verlust und die Trauer als natürliche Reaktion anzuerkennen und still-verständnisvolles Mitgefühl zu zeigen. Geduld, Anwesenheit und stumme Zuwendung helfen oft mehr als Worte. Kleine Aufmerksamkeiten signalisieren Verbundenheit in der Not und spenden mehr Trost, als man gemeinhin erwartet. Wichtig für Freunde und Verwandte ist in der Trauerbegleitung auch, dass sie darauf achten, was der/die Trauernde braucht - Begleiten kann nur, wer dazu "eingeladen" wird!

Obwohl es den Trauerprozess nicht beseitigt und auch das verlorene Tier nicht ersetzen kann (kein Lebewesen ist durch ein anderes ersetzbar), haben manche Betroffene es dennoch als hilfreich erlebt, einem anderen Tier wieder ein Zuhause zu schenken. Sie werden somit wieder gebraucht und dürfen Liebe geben sowie empfangen. Die neue Verbundenheit und das Wissen, einem notleidenden Wesen ein neues Glück geschenkt zu haben, sind kein Allheilmittel und beseitigen die Trauer nicht, können aber dem einen oder anderen doch wieder ein bisschen Freude ins Leben zurückbringen. Am Ende des Trauerprozesses steht dann die - notwendige - Rückkehr der trauernden Person in ihren gewohnten Alltag.

Rückkehr in Alltag© www.regenbogenreich.de
in Zusammenarbeit mit Diplom-Psychologe Oliver Walter
Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung der Autoren

 


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